Ethik und Digitalisierung: FHWS-Masterstudierende diskutierten digitale Selbstbestimmung

07.12.2020 | Fakultät
Vierteilige Veranstaltungsreihe an der Hochschule zwischen Mitteln, Machbarkeit sowie Missbrauch von neuen Möglichkeiten und Auszeichnung der besten Beiträge

Jede neue Technologie bietet auch neue Möglichkeiten: Im Rahmen der vierteiligen Veranstaltungsreihe „E-DIG“ (Ethik und Digitalisierung) diskutierten 19 Masterstudierende über Mittel, Machbarkeit und Missbrauch von neuen Möglichkeiten der Digitalisierung. Initiator der Veranstaltung war das Institut für Design und Informationssysteme an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) unter der fachlichen Leitung der Professoren Dr. Michael Müßig und Dr. Nicholas Müller, Institutsleiter und Inhaber der Professur für Sozioinformatik und gesellschaftliche Aspekte der Digitalisierung. Unterstützt wurde die Veranstaltungsreihe durch die Vogel Stiftung.

Thematisch wurden dabei die folgenden vier Kategorien diskutiert:

  • Mensch, Medizin und technisch Machbares
  • Fiktion, Fake und falsche Fährten
  • Lebens- und Arbeitswelten 2.0c (c für Corona)
  • KunstKreativ, Computer und KI

Die Zielsetzung von EDIG - Fragen von Ethik und Moral, der Verantwortung und des Vertrauens rund um digitale Systeme- werden insbesondere auch von Masterstudierenden der Fakultät Informatik und Wirtschaftsinformatik recherchiert und besprochen. Die Opening Session fand im Rahmen der WürzburgWebWeek 2020 statt, die drei weiteren Themen an der FHWS. Die Masterstudierenden arbeiteten die Themen aus und präsentierten sie abschließend im Plenum.

Die Vogel Stiftung vergab zum ersten Mal ein Preisgeld in Höhe von 500 Euro, das künftig jährlich für die besten Präsentationen der Studierenden vergeben werden wird. Seit Anfang 2019 ist ein Aktivitätsschwerpunkt der Stiftung das Themenfeld „Digitalisierungsfragen / Digitale Ethik“: Die Vogel Stiftung möchte die wissenschaftliche Bearbeitung unterstützen und Studierende fördern, sich mit diesen Themen und Fragen vertieft zu beschäftigen. Prämiert wurden

  • Tamin Rahi auf dem 1. Platz mit 250 Euro
  • Tobias Landsfried auf dem 2. Platz mit 150 Euro sowie
  • auf dem 3. Platz Philipp Väth mit 100 Euro.

Zum Thema „Medizin und technisch Machbares“

Betrachtet wurden Möglichkeiten und Grenzen der digital unterstützenden Technik in der Pflege und der Roboter-assistierten Chirurgie und Orthopädie. Masterstudierende stellten die Frage nach einer möglichen Entgrenzung: Inwieweit würden moralische, geistige oder physische Grenzen überschritten und Trennlinien aufgehoben? Sensoren begleiteten Menschen heutzutage über Smartphones und Smartwatches. Technologie gelange zunehmend in den menschlichen Körper, wie z.B. Cochlea-Implantate, Herzschrittmacher, Handprothesen oder Neurolinks im Gehirn, die körpereigene Funktionen extern übernehmen. Es sind Formen des Transhumanismus mit der Überwindung physischer und psychischer Grenzen durch Nano-, Bio-, Gen- und Informationstechnologie („Cyborgisierung“) festzustellen.

Zum Thema „Fiktion, Fake und falsche Fährten“

Die Studierenden erläuterten Möglichkeiten der Bild- und Textbearbeitung bis hin zu Veränderungen und Manipulationen von Grafiken, Fotos und Bildern. KI-Programme könnten mittlerweile journalistische Artikel schreiben.

Einen Fokus nahmen die so genannten „Deepfakes“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe ein: Diese bezeichnen visuelle Inhalte, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz hergestellt werden und real erscheinen. Hier werden Personen in Videos („Voice Swapping“) oder Bildern („Face Swapping“) durch Abbilder anderer Personen ersetzt und manipuliert. Für wichtig erachteten die Referierenden gesetzliche Regelungen sowie präventive und erzieherische Maßnahmen, um individuelle psychologische Auswirkungen, wirtschaftliche Schäden und politische Instabilität zu vermeiden.

Im Bereich der digitalen und Krypto-Währungen werden bei Bezahlungen über Karte oder Apps digitale Spuren hinterlassen. Die Bezahldaten werden nicht nur von Seiten der Anbietenden ausgewertet, sondern mit weiteren Technologie-Konzernen geteilt. Sogenannte Data Broker sammelten Daten aus unterschiedlichen Quellen, um Personen zu identifizieren und sie in Profile einzuteilen. Es gebe hierbei Vor- sowie Nachteile: Auf der einen Seite wandle die zunehmende Abschaffung von Bargeld, strengere Regulierungen von Krypto-Währungen und Einführung einer staatlich überwachten digitalen Währung die Bevölkerung in „gläserne Bürgerinnen und Bürger“. Auf der anderen Seite können durch diese vereinfachte Verfolgung kriminelle Handlungen wie Steuerhinterziehung deutlich einfacher verfolgt werden.

Zum Thema „Lebens- und Arbeitswelten 2.0c“

Der Einsatz digitaler Technologien wird energieeffizienter. Dies bedeute jedoch nicht automatisch auch eine Einsparung von Ressourcen. Es kommt zum so genannten Rebound-Effekt: Durch die erhöhte Energieeffizienz steige parallel auch die Nachfrage und der Konsum dieser Technologien, oft gekoppelt mit sinkenden Kosten.

Der Lebenszyklus von IT-Produkten zeigt Handlungsbedarf: Künftig wird die Nachfrage nach Rohstoffen die verfügbare Fördermenge übersteigen. Rohstoffe werden

  • unter teils fragwürdigen Bedingungen für Mensch und Umwelt gefördert
  • Produkte verfügen häufig über einen nur begrenzten Nutzungszeitraum
  • sie lassen sich abschließend oft schwer reparieren oder recyceln.

Die Möglichkeiten von hybrider Arbeit bzw. Homeoffice können künftig unterschiedlich realisierbar sein und zu Unmut in der Bevölkerung führen, da sich nicht alle Berufe sich ortsungebunden ausführen lassen. Vorteil von Homeoffice: U.a. könnten Unternehmen so Kosten für Büroräume sowie Ausstattung einsparen. Nachteile: Dies kann zu einer sinkenden kulturellen Bindung der Arbeitenden mit ihren Unternehmen bzw. Institutionen führen. Das Fehlen des Austausches unter den Mitgliedern kann ferner zu einem „Brain-Drain“ (Talentabwanderung) aus den teuren Innenstädten hin auf das Land aufgrund günstigerer Mieten führen. Darüber hinaus könnten stets wiederkehrende Arbeitsprozesse teilweise in Zukunft durch Roboter übernommen werden, die Arbeitsplätze entsprechend wegfallen.

Zum Thema „KunstKreativ, Computer und KI”

Menschen kommunizieren mehr und mehr mit Maschinen im Alltag. Die Algorithmen der Social-Media-Kanäle sammeln sensible Daten der Userinnen und User. Vorstellbar ist künftig eine KI, die diese Informationen nicht nur zu Marketingzwecken nutzt, sondern darüber hinaus zum Aufbau „emotionaler Bindungen“ inklusive menschlicher Namensgebung wie „Alexa“ oder „Cortana“. Es wird neben dem Erkennen von Emotionen des Gegenübers an Simulationen „eigener Gefühle“ für eine humane Interaktion gearbeitet. Die Basis legen hier das maschinelle Lernen und künstliche neuronale Netze.

Beispielsweise in der Kunst könne heute bereits mit verschiedenen Ansätzen neue „Kunstwerke“ geschaffen werden: In der Bildverarbeitung erkennen Algorithmen Stile eines Bildes oder Künstlers und können unvollendete Werke „ergänzen“. Maschinen sind in der Lage, einzelne musikalische Fragmente aus Beethovens Notizen und Skizzen zur zehnten Sinfonie zu liefern und Vorschläge zu machen, wie das Opus erweitert werden könnte. Es stellt sich in den Bereichen von Kunst und Kultur die Frage, ob Menschen das Recht haben, Unvollendetes ohne die Einwilligung des kreativen Schöpfenden zu vollenden, so die Masterstudierenden.

Die Europäische Kommission erstellte im Februar 2020 ein Whitepaper "Zur Künstlichen Intelligenz - ein europäisches Konzept für Exzellenz und Vertrauen", das die Grundlage für Legislativvorschläge für das Europäische Parlament bildet.